Tag 7+8 "Kreuzfahrtfeeling und Heimatgefühle"


Göteborg (Fähre) - Kiel - Bad Bramstedt - Hamburg


So richtig viel habe ich heute nicht vor, bemerke ich, als ich aufwache und mir klar wird, dass es nun der Tag der Heimreise ist, der draußen vor dem Fenster graut. Unser Schiff wird erst um 19 Uhr ablegen, wir haben also den ganzen Tag zur Verfügung. Sightseeing, befürchte ich. Gar nicht so mein Ding. Jan hat gestern noch im kostenlosen WLAN unseres Abrisshotels ein paar Museen entdeckt, die ihn interessieren.

Mich interessiert nur die "Vasa", jenes klassische Segelschiff, das der Gier des Königs willen, das mächtigste Kriegsschiff seiner Zeit zu besitzen, mit so viel Kanonen bewaffnet wurde, dass es bei der Jungfernfahrt in seichtem Seegang unterging.
Mit Schock werde ich nacher feststellen, dass die "Vasa" nicht in Göteborg, sondern in Stockholm zu besichtigen ist.

Wir stehen auf, reinigen uns und stürmen das Frühstücksbüffet, das - welch´ Wunder - der Abrissatmosphäre unseres Hotels in nichts dasteht. Jan meint, das wäre alles noch okay, vielleicht hat er Recht, mich aber kann es nicht vom Sessel hauen. Welten liegen zwischen dieser Herberge und dem tollen Hotel, das wir in Bostad hatten oder dem Domizil der Tischtennisweltmeisterin in Falkenberg.

Es ist kühl geworden, die Wolkendecke hat sich geschlossen und wir müssen uns dick einpacken, als wir unsere sieben Sachen im Zimmer zusammensuchen, alles zum Check-Out vorbereiten und wenig später einschließen lassen.
Museum ist angesagt.
Wir verabschieden uns vom einzigen Lichtblick des Hotels - der Rezeptionsblondine, die wie immer nett und höflich in dem den Schweden so eigenen, wundervollen Dialekt "Bye und kommt bald wieder" sagt, dabei entwaffnend grinst, das einem das Herz aufgeht.

Frierend laufe ich neben Jan her, als wir die Hauptmagistrale Göteborgs entlangstreifen und freue mich, als wir endlich im Kunstmuseum sind um uns die Hasselblad-Ausstellung anzusehen.
Der Tag geht schnell vorrüber, wir bummeln durchs Museum, durch das eine oder andere Ladengeschäft, gehen noch einmal essen und dann holen wir gegen 15 Uhr die Taschen und Räder aus dem Hotel - und sagen Tschüs.

Mittlerweile ist auch der Himmel etwas freundlicher, aber kalt bleibt es trotzdem. Wir ziehen uns die Clickschuhe an und fahren zum Stena-Deutschland-Terminal. Unser Schiff, die "Stena Germanica" liegt schon bereit, ein paar Autos und einige Trucks stehen ebenfalls schon an. Aber viel ist hier noch nicht los.

Am Sammelpunkt stehen zwei schwer bepackte Trekkingräder. Fahrradnomaden wie wir. Diese hier aber sind wirklich mit den schweren Sachen unterwegs: Zelt und Kochausrüstung, Lenker und Gepäckträger schwerstens bestückt mit Taschen aller Art.
Das Display verrät, dass wir noch eineinhalb Stunden auf den Check-In zu warten haben, also vertreiben wir uns die Zeit im Aufenthaltsraum für die Trucker, wo es fiesen Kaffee umsonst gibt, oder bei Gesprächen mit den beiden Radnomaden, die sich als Rentnerehepaar auf der Tour von Norwegen durch Schweden erweisen.

Schnell geht die Zeit vorrüber, irgenwann schaltet die Ampel auf Grün, wir rollen (als erste) an Bord, verstauen im Vorschiff unsere Räder und suchen unsere Kabine. Nummer 8552, Deck 8, Heck, Innen. Die ganze Fahrt kostet uns beide 210 Euro - ein fairer Preis, wie ich finde. Die Kabine ist sauber und relativ geräumig, vergleichbar mit dem "Hotelzimmer" in Kopenhagen.
Wir verlieren keine Zeit, verstauen alles und stürmen an Deck, nicht ohne und vorher ein zünftiges Pils zu besorgen.

Das Schiff ist riesig, wir stehen 40 Meter über dem Betonkai, auf dem sich die Trucks und Autos einem riesigen Lindwurm gleich in den Stahlbauch des Schiffes schieben.
2 Stunden später dann das Horn - Ablegen!

Wir sind wieder an Deck, beobachten, wie das Schiff Fahrt aufnimmt, wie es sich unter der riesigen Brücke hindurchschiebt. Hinten geht wieder einmal theatralisch die Sonne unter, an Backbord wird die Stadt lichter, dann, keine 15 Minuten nach dem Ablegen, sehen wir nur noch nackte Schären.
Wir sind unterwegs!

Was macht man an Bord eines Schiffes, das 13 Stunden unterwegs sein wird? Duty free und Biertrinken!
Das haben wir uns vorgenommen.
Das war abgesprochen.
Und so ziehen wir es nun durch!

Ein paar Stunden später haben wir uns eine Nische mit Sitzmöbeln ergattert und leeren eine Bierdose nach der anderen. Nicht, ohne vorher im Restaurant eine Portion zünftige Köttbullar gegessen zu haben.
Betrunken und glücklich sind wir gehen 1 Uhr in der Koje. Ich kann sofort einschlafen, der sanfte Seegang und das Brummen unserer Motoren helfen mir dabei.

Über Lautsprecher werden wir am nächsten Morgen geweckt - klar, denn in einer Innenkabine, in der es stockduster ist, kann man den Sonnenaufgang schlecht sehen. Ich stehe auf, mache mich klar - yeah, endlich wieder Radklamotten! - und stürme hinaus an die frische Luft. Ich stehe am Heck, schaue auf das mächtige Kielwasser das unser Pott hinterlässt, als rechts neben mir Kiel-Laboe und das Marineehrenmal vorbei fliegen. So nah schon!
Jan ist schnell geweckt, die Klamotten gepackt, als auch schon die Durchsage kommt, dass wir in 20 Minuten anlegen würden.

Das Manöver verfolgen wir vorn durch die großen Panoramascheiben. Endlich, mich freut es - Deutschland! Du hast uns wieder! Und welch´ ein schönes Gefühl, als wir die Rampe hinabrollen endlich wieder deutschen Boden unter unseren Rädern haben, deutsche Schilder lesen, deutsches Geschnatter hören, denke ich mir, freue mich und ... werde prompt angehupt, weil ich auf der Straße, nicht auf dem Radweg fahre.
Radwegnazis! Ja, auch über Euch Idioten freue ich mich irgendwie, denn - leider - gehört Ihr auch zu meiner Heimat. Aber ich erziehe Euch noch, keine Angst!

Wir frühstücken bei einem Kieler Bäcker, dann geht es los. 90 Kilometer bis Hamburg, da haben wir schon besser gelacht. Auch die Kieler Berge können uns nicht schrecken, die Strecke ist bekannt, es rollt sich schnell und gut. Auch meine Befürchtungen, dass sich der stark schiebende Rückenwind der letzten Woche nun zu einer schier undurchdringlichen Mauer aus entgegenfliegender Luft entwickeln würde, bestätigt sich nicht - wie per Knopfdruck hat sich die Windrichtung auf West gestellt, bläst nun also von der Seite, was nicht angenehm, aber auch nicht besonders schlimm ist.

So jagen wir die deutschen Radwege (also einen Huckel nach dem anderen) entlang und freuen uns, auf den letzten Kilometern dieser spannenden Reise zu sein. Freuen uns auf einen Kaffee, wenn wir ankommen, ein leckeres Pastaessen, wenn wir umgezogen sind und ich, ich freue mich auf meine Badewanne, wenn Jan wieder im Zug nach Berlin sitzt. Aber das sage ich ihm so natürlich nicht ...

Ein paar Stunden später biegen wir von der großen B-Straße nach Niendorf ein, hier kenne ich mich aus, hier fahre ich täglich meine Runde. Ich grüße die Pferde auf der Koppel am Vielohweg, fliege im Slalom um die Verkehrsberuhigungsblumenkästen und biege an meiner Heimat-Shell zackig ab. Dann endlich, nach 8 Tagen, mir geht mein Herz auf: Mein Haus, meine Wohnung. Wir sind da!

Gefahren: 92,17 km in 3 h 53 min und 23,6 km/h Schnitt


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