Tag 6 "Kusssehnsüchte am Västkusten-Weg"


Falkenberg - Morup - Varberg - Tangaberg - Kungsbacka - Mölndal - Göteborg


Wir stehen wie gewohnt um 8 Uhr auf. Ich kann es schon kaum mehr erwarten, mein Traum dreht sich auch wie die Kurbeln meines Antriebs. Ich will wieder rauf, aufs Rad. Es soll endlich wieder losgehen - dieser freie Tag nervt mich, jetzt, da er emdlich vorbei ist.

Es ist mir, als sei ich aufgehalten worden von all dem Müßiggang, von dem faulen Herumlungern, dem Schleichen am Strand und Schlendern durch schöne Gassen. Nein, das ist nichts für mich - die Straße ruft, ich vermisse das Surren meines Rohloff Speedhubs, ich sehne mich nach dem lockeren Griff um meinen Hörnchenlenker, das sanfte Federn meiner Gabel bei Unebenheiten des schwedischen Asphalts - Raus! Aufstehen, ihr müden Glieder!

Ich will wieder Speedmachine fahren!

Jan freilich sieht das wohl nicht ganz so euphorisch. Gewohnt schläfrig und mit allerlei ausgiebigem Ächzen begleitet schiebt sich sein schlafzerknautschtes Gesicht unter der Decke hervor, als ich zum Sturm aufs Büffet rufe.

Wir kleiden uns an - ich endlich wieder in die engen Radklamotten - und stehen ein wenig später tatsächlich wieder im tiptop ausgestatteten Frühstücksraum und schaufeln uns in gewohnt sportlicher Manier die Teller voller mehr oder weniger Gesundes. Der Kaffee ist frisch und heiß, Brötchen und Müsli sättigen und so haben wir schnell die Grundlage für den kurzen Endspurt nach Göteborg - dem endgültigen Reiseziel dieser Tour.

Flux sind die sieben Sachen gepackt, die Räder aus dem Schuppen geholt, Handschuhe an und Helm aufgeschnallt und gegen 10 Uhr rollen wir - der Tischtennisweltmeisterin winkend - vom Hof des schönes Hotel Pallas in Falkenberg.

Anders als sonst - und das wundert mich - klagt Jan nicht. Normalerweise ächzt er bei jeder Umdrehung seiner Kurbeln, und das die ersten 500 Meter lang. Dieses Mal scheint mir, war es sogar ihm zu viel geworden, im kleinen Holzkabuff im Garten zu hocken und zwischen den drei schwedischen Sendern und RTL zu zappen. Heute, das merke ich, freut sich selbst Jan darüber, endlich wieder auf seinem Bianchi zu sitzen.

Wir fahren zunächst in Richtung Hafen, nehmen am großen Kreisverkehr die Straße nach Norden und biegen ein wenig später auf die (hoffentlich) wenig befahrene Küstvagen ein, die wiederum parallel zur altbekannten E-Straße direkt am Ufer des Kattegat bis nach Göteborg führt.

Schnell haben wir Falkenberg hinter uns gelassen und fahren mal in strahlendster Sonne, mal unter dicken grauen Wolken durch die Frische Schwedens. Wir haben Glück - bis hoch nach Göteborg - denn es regnet nicht. Im Gegenteil, bis zum Nachmittag wird es aufklaren und wenn wir ankommen, wird die Sonne scheinen, uns wärmen und unter den aus Vorsicht gewählten langen Klamotten zum Schwitzen bringen.

Wir fahren nah an der Küste und jedes Mal, wenn ich meinen Kopf drehe und über den schmalen Streifen, der uns vom Wasser trennt, schaue, geht mein Herz auf: Ich sehe große und kleine Felsen aus dem ruhigen Spiegel der See auftauchen, ich sehe eine wild gezackte, wie abgerissen wirkende Küstenlandschaft von so wildromantischer Schönheit, dass ich am liebsten anhalten und an Ort und Stelle eine Blockhütte (mit Steg und Sauna) errichten möchte.

Hier sieht Schweden wie Schweden aus, befinden wir, während wir in ruhigem Paarflug die leere Straße entlangradeln.

Unser Tritt ist beständig und treibend, aber heute stellen wir keine Rekorde auf. Knappe 100 Kilometer sagt die Karte - ich will es nicht ganz so langsam angehen, weil ich noch Zeit in Göteborg verbringen möchte, will aber mit Sicherheit auch keine neue Maximalgeschwindigkeit in den Speicher meines Bike-Computers prügeln.

Irgendwann verbreitert sich die Straße, der Seitenstreifen verschwindet und wir fahren eine sich sanft über kleine Hügel ziehende, schnurgerade Strecke entlang. Ab und zu saust ein Holz-Truck an uns vorbei, kommt ein Volvo-Kombi von hinten und zwingt uns in Reihe zu fahren, aber die meiste Zeit sind wir allein auf breitem Asphalt.
Wir sprechen über so viele Themen, dass ich das kaum wiedergeben kann, reden über Muskelaufbau, Körperpflege, schwedische Gene und alles mögliche - die Konversation treibt besondere Blüten, hier, in der Einsamkeit scheinbar unberührter Natur.

Ich komme mir vor wie in Russland - so stelle ich es mir vor. Die Weite der Tundra, dann eine einsame Straße, die sich Tausende Kilometer schnurstracks durch die grüne Einöde zieht. Fast kommt es mir vor, als seien wir schon Stunden auf diesem Teil unterwegs, ich ertappe mich dabei, Schlangenlinien um die Fahrbahnmarkierung zu fahren, um überhaupt zu lenken.

Linkerhand scheint es Ebbe zu sein, wir kommen an Buchten ohne Wasser vorbei. Oft wagen sich die schönen Rinder, die hier nah am Wasser ihre Grasreviere haben, bis in die Schlickgebiete des fehlenden Meeres vor - fressen schwedische Kühe etwa Algen? Muscheln? Plankton?
Die Japaner schwören ja darauf ...

Unsere Lungen ziehen die gesunde Atmosphäre bis in die kleinsten Winkel - salzige Meeresbrise mischt sich mit dem würzigen Moosduft, der vom sattgrünen Wald neben uns heran zieht. Fast mag sich unsere Nase nicht entscheiden können, was sie nun riecht, aber wie auch immer man diese Melange bezeichnen mag - es duftet fantastisch! Mehrmals ziehe ich bewusst so viel Luft wie ich nur kann hinein, atme einfach in alter Qigong-Manier und genieße es.

Ich fühle mich frei, hier, in the middle of nowhere, wirklich frei, weil ein bisschen verloren, weil ein bisschen kleiner als sonst, weil ein bisschen weiter weg als sonst. Hier oben, hier draußen scheint mein normales Leben so weit entfernt, dass es fast pervers wirkt, an Bürostuhl, klingelndes Telefon, Anzughose mit Nadelstreifen und Werbe-Konzepte zu denken. Hier draußen wirkt alles auf einmal so lächerlich, so unwichtig. Was kümmere ich mich um all das - hier oben, hier draußen ist die wahre Freieheit, das wahre Leben.
Oder doch nicht?
Wer zahlt meine Miete? Füllt meinen Kühlschrank? Kleidet und sättigt mich?

Wie gesagt, Konversation und Gedankenflüge treiben hier draußen auf gerader Strecke sonderbare Blüten ...

Immer wieder wird die flache, nur leicht gewellte Landschaft von riesigen Felsen unterbrochen, die auf einmal Wege versperren und wie nach einem brutalen Agriff durch die perfekte grüne Graslandschaft brechen. Gern lassen wir uns auf oder neben ihnen zu Pausen nieder - ich finde es plötzlich sehr heiß in meiner langen Radkombi, auch Jan hat seine Hose auf kurz umgestellt und schwitzt. Dann sitzen wir da, essen einen Powerriegel, trinken Apfelschorle und ruhen uns aus. Viel ruhen müssen wir allerdings nicht - wir haben uns beide an den Rhythmus der Fahrt gewöhnt, Muskeln und Sehnen wehren sich nicht mehr gegen die Belastungen der Fahrt und so haben wir heute keine Schmerzen, müden Glieder oder sonstiges zu beklagen.
Meist geht es nach 15 Minuten schon weiter.

Wenn Jan bei den vergangenen Etappen gern mal Schwächephasen hatte, er sich dann in einer Tour beschwerte über dieses und jenes Zipperlein, sich oft zurück fallen ließ, scheinbar stundenlang auf dem schmalen harten Rennsattel hin und her rutschte, um eine halbwegs ertragbare Sitzposition zu finden und mit schmerzintoniertem Ächzen neben mir jede Kurbelumdrehung seines Campagnolo-Antriebes kommentierte, so scheint er heute ein anderer Mann zu sein. Eisern und kraftvoll, dabei ruhig und betont professionell tritt er in seine Pedale. Die Geschwindigkeit hält er konstant und locker.
Oder ist es nur das nahe Ziel, das ihn ruhig stellt? Ich weiß es nicht.

Wir erreichen das kleine Küstenstädchen Varberg, das wir aber nur durchqueren und links liegen lassen. Irgendwie ist uns nicht nach anhalten, irgendwie treibt es sich gerade so schön die Ketten an, irgendwie haben wir den Drive, der uns schnell voranbringt. So eine Sache sollte man nicht unterbrechen - wir fliegen durch Varbergs Straßen und verlassen die Stadt wieder in Richtung grüne schwedische Natur.

Irgendwann gibt es auch wieder Kurven. Dann geht es meist rund um einen der kleinen Berge oder über ihn hinweg. Wenn, dann komme ich so richtig ins Schwitzen. Bei mehr als 20 Grad mit langen Klamotten zu fahren produziert eine Menge Wärme, die sich unter dem Stoff staut und den Schweißfluss anregt. Meistens bin ich es, der deshalb auf den Kuppen der Berge zu einer kleinen Bananenpause mahnt. Dann sitzen wir inmitten duftender Nadelgehölze auf mossbewachsenen Granitblöcken und verschlingen die kaliumreiche Energiekost.

Die Sonne nähert sich langsam ihrem Zenit - Mittagszeit. Und auch wenn das Frühstück heute üppig wie immer war und schon zwei große Bananen samt einiger Powerriegel in den Tiefen meines Verdauungssystems verschwunden sind, ist es bald knurrender Hunger, der uns in unseren Sätteln quält.
Wir beschließen, Mittag zu essen.
Und das bedeutet, wir müssen in dieser mal nordischen Waldlandschaft, mal wie Dithmarschen anmutende Graswüste ein Restaurant finden.
Dass Off-Season ist, hatte ich schon erwähnt? Damals hatte ich es vergessen.

Also Mittag machen. Wir beschließen, im nächsten Dorf Halt zu machen und uns in einem Restaurant zu laben. Das nächste Dorf, es heißt Frillesas und ein Willkommensschild begrüßt uns nach wenigen Minuten. Wir biegen von dem Küstvagen ab und rollen ein. Sogar ein Schild mit gekreuztem Besteck finden wir, ich bin guter Dinge, schalte einen Gang runter und beschleunige - der Hunger setzt wieder Kräfte frei. Jan läst sich zurück fallen, er bleibt seinem runden Tritt treu.
Die Straße windet sich durch das Dorf. Frillesas scheint ein klassischer Ferienort zu sein - Einfamilien-Ferien-Häuser reihen sich aneinander, kaum zu unterscheiden die einzelnen Nebenstraßen, die vollgepackt sind mit diesen Erholungsstätten. Wenn nicht ab und zu das blaue Essensschild den Weg weisen würde, ich hätte mich glatt verfahren.
Irgendwann biegen wir rechts ein und dann geht es nur noch seicht bergab - vor uns, in etwa 600 Metern Entfernung, liegt die zerklüftete Küste. Ich rufe Jan zu, dass ich gern vorher noch ans Meer will. Also lasse ich rollen, Jan neben mir. Wir schießen auf den Strand zu, der freilich bis zum Wasser grün und saftig ist und dann in Fels übergeht. Ich lasse die Speedmachine auf einem der Felsen ausrollen, Jans dünne Reifen stecken im Morast der Wiese.
Ein Blick hinaus, tief Luft geholt und umgedreht - Essenszeit!

Der Campingplatz, der sich hinter uns am Berghang ausbreitet, ist - natürlich - bis auf ein paar Plastikbehausungen der Dauercamper leer gefegt und hat geschlossen. Ich bete, dass sich das Gekreuzte-Besteck-Schild nicht auf diesen Platz bezogen hatte.
Hatte es nicht, wie wir gleich feststellen, denn ein wenig bergan ist es, ein Restaurant.

Wir erklimmen die steile Auffahrt, parken unsere Gefährte und klackern lautstark mit unseren Clickschuhen in die Räume. Geschlossene Gesellschaft - das steht zwar nirgendwo, ist aber unübersehbar. Ich will schon verzweifeln, als Jan einfach frech in den Speisesaal geht und sich an den Eingang der Küche stellt. Ich komme mit.
Erst ein, dann zwei Mädchen kommen heraus, sehen uns, lächeln und kommen zu uns.

Sie sind - blond. So blond! Oh mein Gott sind sie blond!
Ihr Lächeln vertreibt sofort jegliches Hungergefühl.
Ich starre, ertappe ich mich.
Und beschließe spontan, noch heute auszuwandern.

Ob sie denn noch etwas zu essen für uns hungrige Radfahrer hätten? - fragen wir und setzen unser charmantestes Lächeln auf. (Welches allerdings sicher vom Sport-Geruch, den wir verströmen, auf interessante Weise konterkariert wird)
Sie hätten geschlossene Gesellschaft heute, meint die eine Königin der Blondinen, aber Moment, die fragt mal.
Beide lächeln wieder, entwaffnen uns dabei, wir schauen uns nur an, aus Jans Augen tropft auch Sehnsucht. Na, da bin ich beruhigt. Sie gehen in die Küche zum Koch, dann kommen sie heraus und gehen zu den Leuten der geschlossenen Gesellschaft, fragen etwas.
Mir ist das peinlich, aber dann sehe ich, wie die Kellnerschürzen ihre wohlgeformten Hintern in Szene setzen und beschließe, dass mir heute nichts mehr peinlich ist.
Ein bisschen deplatziert und peinlich berührt komme ich mir jedoch schon vor ...

Sie kommt zurück - Zahnpastawerbefachleute hätten ihre wahre Freude an dieser Frau! - und meint, dass wir warten sollen, bis sich die Gesellschaft am Büffet bedient hätte, dann könnten auch wir uns nehmen.
Wir bedanken uns, sind begeistert.
Die beiden Bienen decken einen Tisch für uns ein, bringen uns etwas zu trinken und fragen, ob alles okay sei.
Alls okay, Ihr hübschen Frillesasser Frauen, alles in bester Ordnung!

15 Minuten später haben wir unsere Teller voll geladen und können unsere leeren Mägen auffüllen. Nicht selten schiele ich herüber zu den Mädchen. Und stillschweigend haben wir beide beschlossen, diesmal ein besonders hohes Trinkgeld da zu lassen.

Wahnsinn, diese Schwedinnen!

Als wir nach dem Bezahlen wieder vor die Tür treten, ist bestes Radfahrwetter - der Himmel ist blau, die Sonne scheint und immer noch treibt ein starker Wind aus Süden die Lüfte nach Norden. Uns soll es Recht sein - Göteborg ist nicht mehr weit.

Ich überlege noch, ob ich nicht doch ein Foto mit den beiden hätte machen sollen, nacher glaubt mir wieder keiner, aber ich beschließe, dass ich zu schüchtern und der Moment sowieso zu kostbar, zu perfekt war, um das mit einem schnöden "Can I take a picture?" kaputt zu machen.
So verlassen wir Frillesas, das schöne Küstendörfchen mit den beiden Bedienungsköniginnen.

Wir fahren locker, aber zügig, verdauen den Geschlossene-Gesellschaft-Braten und plaudern locker mal über die Vorzüge der einen, mal über die der anderen Blondine. Und so vergeht die Zeit wie im Fluge, als wir Kungsbacka, die letzte Stadt vor Göteborg erreichen. Gerade mal wieder ein gutes Stündchen unterwegs, beschließen wir angesichts des unschlagbaren Wetters, die Mittagszeit mit einem zünftigen Macchiato zu beschließen. Schließlich sind wir ja nebenbei noch Menschen und wollen - Sport hin oder her - auch noch genießen.

Wir fahren also in die schmucke Fußgängerzone von Kungsbacka und finden auch schnell ein ansehnliches Café. Die Räder am Straßenrand geparkt, draußen einen Tisch in Beschlag genommen - die Sonne scheint mittlerweile ganz so, als wolle sie noch einmal demonstrieren, wie sich Sommer anfühlt.

Ich bin dran mit holen. Und so gehe ich mit ausreichend Kronen ausgestattet ins Innere.
Und lande in einem Film: Einem "Aliens in Blondinengestalt haben die Erde übernommen, alle umgebracht und ich bin der einzige überlebende Mensch"-Film.

Das Café ist blond. Ausnahmslos. Mich trifft es fast wie ein Schlag - wo man hinsieht, nur Blondinen! Hübsche, langhaarige, schnatternde, lächelnde, zuhörende, mit ihren großen blauen schwedischen Augen klimpernde, gut gekleidete, wunder wunder wunderschöne Blondinen.

Und ich habe enge Radklamotten an.

Wie benommen, schweigend - fast andächtig sitzen Jan und ich an unserem Tisch. Er hält sich an seinem iPhone fest, mit dem er vorgibt, Routendaten anzuschauen, ich tauche ein ums andere mal kopfschüttelnd in meinem Macchiato ab - so etwas habe ich noch nie gesehen!
Tatsächlich befindet sich kein einziger Mann in dem Café. Ausschau haltend in der Füßgängerzone, kann ich auch keinen erblicken. Ja, ab und zu fährt mal ein verbeulter alter Volvo in Schrittgeschwindigkeit vorbei - da mag es sein, dass mal ein vollbärtiger männlicher Schwede drin sitzt, aber so, draußen, freilaufend ... ich sehe niemanden! Perfekt!

Hinter mir, neben uns, vorne, hinten, drinnen draußen - alles voller Schwedinnen. Alles voller hübscher Frauen, die aussehen, als seien sie nach dem Vorbild der schwedischen Flagge gemacht: Viel Blau in den Augen, viel reines Goldgelb in den Haaren.

Wir haben die City of Blondes entdeckt und wollen kaum los. Ich frage mich mittlerweile ernsthaft, ob man innerhalb der EU noch Asyl stellen kann ... bevor mir einzelne Körperteile platzen, folge ich Jan zu den Rädern und fahre mit ihm.

Wir atmen mehrmal frei durch, als wir Kungsbacka verlassen haben.
Vor uns liegt ein großes Naturreservat an dessen anderem Ende dann auch schon Göteborg liegt. 20, vielleicht 30 Kilometer noch.

Seicht steigen Hügel an, viel saftiges Grün umgibt uns. Wälder, Wiesen - alles strahlt in feuchter Farbe, der Wind peitscht die Pflanzen, wildromantisch. Schweden, wie es sein muss, denke ich. Und werde jäh aus meinem Tagtraum gerissen, denn nur 20 cm neben mir tobt feinster Verkehr. Leider wird die idyllische Küstenstraße hier zu einem stark befahrenen Zubringer nach Göteborg. Der Verkehr demnach umso dichter. Uns jedoch geht es erst einmal nur ums ankommen, und so treten wir rein, der Wind schiebt mit.

Fast eine halbe Stunde suchen wir nach einer Möglichkeit, eine Pinkelpause abhalten zu können, denn Kungsbackas Kaffee und die Schorle wollen wieder heraus. Doch wir finden keine Nische, kein Wald, kein Versteck, an dem man einmal kurz anhalten könnte. Jan hält es nicht mehr aus und nimmt zwei spährliche Schilfpflanzen direkt an der Straße zum Anlass, sich endlich zu erleichtern.

Ich schleppe mich noch zwei, drei Kilometer weiter und beehre dann ein Bushäuschen am Berg.

Mittlerweile wird die Straße breiter, schneller - und voller. Das muss dann jetzt auch schon bald Göteborg sein. Und siehe da, zunächst ein, zwei kleine Dörfer, dann kleine Betriebe und Werkstätten und dann fangen die Häuser an, mehr als ein Geschoss zu haben. In Schweden ein sicheres Indiz für eine Stadt.
Irgendwann teilt sich die Straße und es gibt wieder Radwege.
Wenig später finden wir uns auf einer Magistrale mit getrennten Fahrbahnen, Tramschienen und Radwegen wieder. Rechts neben uns fließt ein kleiner Fluss, immer mehr Menschen (auch auf Rädern) sind zu sehen und hinten, etwas entfernt, sehen wir eine Achterbahn - Göteborg!

Kein Ortseingangsschild, fällt mir enttäuschend ein. Kein Siegerfoto. Schade.

Wir rollen durch die Stadt, die mir vorkommt wie Kopenhagen, erreichen die Altstadt, die mir vorkommt wie Kopenhagen und finden schließlich das Hotel - und ich bete, dass mir das nicht auch noch vorkommt, wie Kopenhagen.

Kommt es nicht: Es ist ein 80er-Bau, schmucklos aber zweckmäßig, in einem Park gelegen. Zwei - yessa! - Blondinen begegnen uns mit wieder einmal entwaffnendem Charme, händigen uns den Schlüssel aus und schicken uns in die 2te Etage.

Schön, finden wir: Hier wird gebaut! Der Teppichboden ist, wo er nicht schon herausgerissen wurde, mit dicker Folie abgeklebt, Türen stehen offen und geben den Blick auf entkernte Betonwüsten frei, es riecht nach Zementstaub. Wir schauen uns an - wortloses Schulterhochziehen.

Unser Zimmer, eine Lehrstunde in Achtzigerjahreästhetik. Ohne uns lange aufzuregen, duschen wir den Schmutz dieser kurzen Etappe ab, ich checke solange das Fernsehprogramm und wenig später bummeln wir durch Göteborg.

Die Stadt scheint eine riesige Fußgängerzone zu sein. Allenthalben bummeln Menschen, sie kaufen ein, essen Eis, trinken eine Coke und hier und da wird gelacht, geschnattert. Geschäftiges Treiben, finden wir, aber bei 25 Grad und Sonnenschein mitten im September auch kein Wunder.

Weiter geht es über die große Brücke, die an ihrer höchsten Stelle einen atemberaubenden Ausblick über den Hafen erlaubt. Ein riesiger Frachter fährt darunter hindurch - seine Mastspitzen zum greifen nahe.

Hinter den Hügeln geht dramatisch die Sonne unter. Wir nutzen die letzten Strahlen und bummeln zum Hafen, wo wir der "Viking", dem größten in Skandinavien gebauten Segelschiff, einen Besuch abstatten.

Weiter geht es zum Alien-Control-Center, wie ich es nenne - Göteborgs wohl berühmtestes Haus. Welcher Architekt wohl auch immer sich dieses fragwürdig ästhetische Monstrum ausgedacht hat, er hat die Stadt zumindest in alle Munde gebracht.

Wir schlendern weiter am Wasser entlang, vorbei an der modernen Oper, dem Schiffsmuseum und einigen schnieken Yachten, die wir mit geschultem Kennerblick auf Weltumsegelungskapazität untersuchen.

Dann biegen wir wieder ein in die Altstadt, spazieren entlang des Hauptkanals, der einst den Verteidigungsgraben speiste, suchen und finden eine wirklich schicke Bar, in der wir unser Ankommen in Göteborg mit ein, zwei, drei oder vier Budweiser feiern.

Aber um ein Fazit zu ziehen, wäre es noch zu früh, denn die letzte Etappe steht uns noch bevor: Übermorgen nämlich, wenn wir in Kiel von Bord der Fähre rollen, liegen noch runde 90 km bis Hamburg vor uns. Und wenn weiter anhält, was uns in Dänemark und Schweden Speed gebracht hat, dann haben wir ein Problem. Der starke Rückenwind bläst dann nämlich von vorn. Und was das gerade in den Kieler Bergen bedeuten mag, das möchte ich mir jetzt gar nicht ausmalen.

Schön angetrunken wanken wir nach Hause, legen unsere Körper im Achtzigerjahrebett ab und schlafen sofort ein.

Eine ziemlich schmucklose Ankunft, jetzt, mit Abstand betrachtet. Fast beiläufig, geradezu banal kommt sie mir vor. Aber - eines bleibt: Wir haben es geschafft! Sind von Hamburg nach Göteborg gefahren.
Mit dem Fahrrad.
Das ist ein Erfolg, den uns keiner nehmen kann.

Zufrieden, ja, ein bisschen stolz, schlafe ich ein und nehme mir vor, morgen noch einmal diese schöne Stadt zu genießen.

Gefahren: 117,66 km


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