Augen öffnen, durch die verklebten Lider schmulen - es ist hell, na und? - sich herum drehen und dann wieder langsam, dann heftig und dann endgültig wegdämmern. Einschlafen. Träumen.
Es ist eine Wohltat.
Selbst für mich, der ich eigentlich locker noch einen Tag hätte fahren können, immerhin sind es nur noch knappe 100 km bis Göteborg, unserem Ziel. Aber dieses eine Ausschlafen (mehr wird es auf unserer Tour nicht geben) haben wir uns verdient. Vor allem Jan, der sozusagen von 0 auf 100 geschossen ist mit dieser Tour. Der gerade mal an einem einzigen Wochenende zur Vorbereitung auf diesen Trip 80 und 100 km gefahren ist - ein Training, das mehr als fragwürdig erscheint, wenn man eine Woche mit 5 Etappen und mehr als 700 km vor sich hat.
Aber er schlägt sich tapfer, jeden Tag wundere ich mich, wie er diesen Belastungen stand hält.
Entweder er blendet die Schmerzen aus oder er hat einfach keine. Was ich mir kaum vorstellen kann - allein die Handgelenke, seine Wirbelsäule und der Hals-Wirbel-Bereich fangen ohne Ende Stöße ab, auch wenn Dänemarks und Schwedens Straßen eigentlich nur minimale Vibrationen produzieren. Und durch das ständige Nachobenschauen müssten diese Partein eigentlich schmerzen wie die Hölle.Mir jedenfalls wären sie schon abgestorben.
Und der Fakt, dass Jan alle 50 km seinen Hintern mit Bepanthen einspachtelt, sagt schon alles ... amüsant? Sicher. Aber tauschen will ich in keinem Fall.
Ich habe es da besser: Ich liege in meiner Speedmachine wie im Fernsehsessel zu Hause, ich trete nach vorn, ziehe kräftig nach hinten weg und erzeuge so auf einfache Weise meinen Vortrieb. Ich liege flach und knapp über der Straße, wenn Wind kommen sollte, dann biete ich ihm nur wenig Angriffsfläche - anders, als der hoch aufragende Rennradfahrer.
Ich liege da und schaue entspannt in der Weltgeschichte herum. Muss meinen Kopf nicht ständig oben halten, alles ist locker. Alles ist flocker.
Doch nun genieße ich die Extrastunde Schlaf, genauso wie Bianci-Fahrer Jan neben mir, der ab und zu durch wohliges Schnarchen Laut gibt. Mich stört das kaum noch, ich dämmere wieder hinüber, kuschel mich ein in Falkenbergs Hotelbettwäsche und freue mich über die gesammelte Wärme unter meiner Decke ...Irgendwann ist es genug. Wir stehen gegen 9 Uhr auf. Immerhin wollen wir nicht das Büffet vertreichen lassen. Sie fühlen sich an wie Eisen, meine Beine, als ich sie unter der schweren Daunendecke hervor ziehe und auf dem Teppichboden absetze, ich stöhne. Jan grinst, ihm widerfährt aber das selbe Schicksal, als er versucht, aufzustehen. Ich stehe unter der Dusche, heiß das Wasser, wohltuend: Zwar nicht gerade belebend, da hätte ich den Regler in eine andere Richtung drehen müssen, aber wohltuend. Nach etwa 650 Kilometern Schussfahrt durch Südskandinavien soll das heute also der erste Urlaubstag sein.
Ich freue mich zunächst auf das Frühstück. Wie immer bin ich der erste unten am Büffet. Leer ist es, die meisten werden - unerklärlicherweise - die Chance genutzt haben, bereits ab 6:30 Uhr ihre Kaisermahlzeit einzunehmen. Als ich in den Frühstücksraum komme, läuft gedämpfte Spa-Musik, Kerzen brennen auf jedem Tisch, es duftet nach Kaffee und Brötchen. Hotelgeruch, mein liebster Hotelgeruch.
Sogleich lade ich mir den Teller zur einen Hälfte voller Wurst, die andere voller Marmelade, die ich aus mindestens 5 Fässern mit verschiedenen Gechmäckern auswählen kann. Müsli gibt es im zweiten Gang, dazu immer wieder frischen heißen Kaffee.
So muss das sein.
Ich schnappe mir noch die neueste Ausgabe des "Svenska Dagbladet" und setze mich.
Jan stößt dazu, lädt sich auf, was immer er für richtig hält und so schmatzen wir die erste Stunde unseres freien Tages in Falkenberg.
Über mir an der Decke hängen Bilder. Schwarzweißfotos von einer jungen Dame in knappem Tennisdress. Sechzigerjahre. Ich erkenne den Namen unserer Hotelchefin, die uns gestern noch so freundlich den Schuppen für die Fahrräder freigeräumt hatte. Dann schaue ich mich um und entdecke immer mehr Devotionalien. Medaillien, Urkunden, Zeitungsausschnitte und Fotos über Fotos. Damals freilich war sie noch blutjung gewesen, ihr kurzer Rock flog nur so um die Tennisplatte und sie war - richtig - blond natürlich.
Wir unterhalten uns über Ping-Pong, Blindinen und das Wetter, das ich aus der Zeitung versuche heraus zu filtern und dann brechen wir auf.
Wir wollen ans Meer. Zu erst durch diese süße Stadt.
Dann ein ruhiger Strandspaziergang. Denn der ist nun, um die frühe Mittagszeit, genau das Richtige. Wir schlendern über die große Brücke über den Fluss Ätran. Hier soll es Lachse en mass geben - zumindest versprechen das Flyer und Werbeanzeigen in unserem Kartenmaterial. Für wenig Geld kann man hier eine Angellizenz erwerben und dem leckeren Riesenfisch nachstellen.
Wir aber überqueren die tosenden Stromschnellen und schlendern an den Ufern des Flusses zu seiner Mündung. Es ist kein Traumwetter, eher präsentiert sich Schweden heute grau in grau. Perfekt, denken wir, es ist kühl, ab und zu fallen kleine Nieseltropfen herab und so sind wir in unsere Sweater eingemümmelt - besser als jetzt schwitzend auf dem Bike zu hängen und sich die Schärenfelsen hoch zu mühen, finden wir.
So kommen wir zum Strand, der sich - klar, Off-Season - komplett menschenleer präsentiert. Wir finden eine einsame Stranddusche, ein deplatziert surreal wirkendes Schaukelpferd und "Gottes Stuhl", wie wir ihn taufen - der Bademeister sitzt hier in luftiger Höhe und wird jedenfalls keine Schwierigkeiten haben, seine Schützlinge im Auge zu behalten.
Ein Strandhotel, keine 20 m vom Wasser entfernt, ist leer geräumt, es sieht aus, wie nach einem Nuklearangriff - verwaist und verstaubt. Nur eine Palme, die im kühlen Seewind ihre Wedel versucht beisammen zu halten, hält die Stellung.
Wir besichtigen Yachten im Hafen, klönen über Segelabenteuer, die mit dieser oder jenem Boot besser zu bestreiten wären und philosophieren über Haltungskosten und die Vor- und Nachteile von GFK-Rümpfen.Nach drei Stunden an der frischen Luft knurrt uns der Magen und so beschließen wir, einzukaufen. Im Supermarkt freuen wir uns: Schweden, Land der Blondinen und - des Fisches!
Ganze Kühltruhen voller Meeresfrüchte, Shrimps und Gambas. Traumhafte Filets, ganze und halbe Fische aller Art - ein Mekka für Omega-3-Junkies. Und so holen wir uns neben frischem Backwerk einen Riesenpott Shrimps, frisches Dressing und ein paar Sidekicks, schleppen alles zum Pallas und freuen uns auf einen zünftigen Fernsehabend ("American Pie II" ist angesagt ... wenn man sonst nix hat ganz okay, finden wir).
Zurück im Hotel dann die Hiobsbotschaft - unser Zimmer kann nicht verlängert werden. Die Tischtennisweltweisterin zuckt betroffen ihre schmalen Schultern nach oben - das Hotel ist voll und wir hatten nur eine Nacht gebucht.Aber dann kommt ihr die Idee - die Schwedenhütte im Garten. Die habe zwar keine Sanitärräume, wäre aber billiger (wir müssten dann die Sanitärräume im Spa des Hotels nutzen). Wir schauen uns das Kleinod an: 6 Quadratmeter, ein Doppelstock- und ein richtiges Bett, ein kleiner Tisch und ... ein Fernseher.
Gekauft!
Ich bin schnell und okkupiere sogleich das Einzelbett für mich. Immerhin musste ich im schrecklichen CabInn in Kopenhagen schon auf dem miesen Hochbett schlafen. Ich finde es nur zu fair, dass Jan dieses Mal den Kürzeren zieht. Zumald uns heute weiß Gott keine anstrengende Etappe in den Knochen brennt.Wir laben uns einige Stunden später an dem Meeresgetier, trinken dazu ein teures Bier und freuen uns, dass wir uns kein neues Hotel hatten suchen müssen.
Allerdings erinnert mich die ganze Szenerie in diesem Häuschen an Klassenfahrtatmosphäre - aber immerhin haben wir nun doch noch unsere Hütte bekommen. Und da diese schon nicht an einem See, zumal an einem einsamen, steht, beschließen wir, uns heute Abend noch einen zünftigen Saunagang zu gönnen.
Jan macht den Ofen klar und so schwitzen wir eine Stunde später in drei schweißtreibenden Gängen noch einmal ordentlich durch. Ein herrlich reinigendes, entspannendes Gefühl.
Zurück im Zimmer lassen wir uns in die Betten sinken, schauen uns den Lustspielfilm im Original an und trinken noch ein Schlafensbier, bevor wir das Licht ausmachen und uns nach einem absolut entspannten Ruhetag ins Traumland begeben.
Morgen, morgen würde uns die letzte Etappe nach Göteborg, unserem Reiseziel führen.Auch schön: Die Speedmachine im Backofen Europas. Portugal per Liegerad