Tag 4 "Wetterangst und Wadenkrampf"


Bostad - Laholm - Halmstad - Gullbrandstorp - Falkenberg


Es ist wieder kurz vor 8 Uhr - mein inneres Wecksystem hat noch jeden Digitalquarz geschlagen - als ich aufwache und mich wohlig schmatzend im Bett herum drehe. Ich genieße es hier - Bostad, Stadt unserer Träume, Hort der Geschundenen und Hafen für velozipedierende Schwerstarbeiter.

Ich blicke in unser Zimmer und muss unmerklich den Kopf schütteln: So eine schöne ... Suite möchte ich fast sagen ... und dann wir mittendrin. Fast schäme ich mich. Denn dafür, dass wir dieses Zimmer erst sein ein paar Stunden bewohnen, sieht es hier aus, als habe ein Taifun alle Schränke geöffnet und dann geradezu explosiv den Inhalt im Zimmer verteilt.
Dazu unsere Räder, die auch schon einmal mehr geglänzt haben, die wir einfach unschön an die filigrane Intarsientapete gelehnt bzw. auf dem blanken Holzboden abgestellt hatten, Schuhe und Trikots wo immer man hinsieht, stehen und fallen gelassen an der Stelle, an der wir sie uns gestern stöhnend vom Leibe gezogen haben.

Ich bin froh, nicht riechen zu müssen, was ich ahne. Zwei Männer, täglich runde 7 Stunden in Bewegung, immer die selben Klamotten tragend (natürlich mit jeweils frischen Unterwäschen) - das muss einen Geruch abgeben, der zum Bild passt. Unrasierte, schwitzende Typen auf ihren Rädern.

Da nützt, wie schon in Kopenhagen erfahren, auch ein sperrangelweit offen stehender Balkon nichts mehr.

8 Uhr. Ich beende meine philosophischen Morgenüberlegungen und pelle mich auffällig laut aus dem weichen Bett. Jan ist sofort wach und blinzelt.
What a morning! - will ich rufen, denn durch die Vorhänge scheint die Sonne, die, als ich die schweren, schönen Brokatstoffe beiseite schiebe, im selben Moment hinter einer dicken schwarzen Wolke verschwindet. Ich ziehe einen Flunsch - draußen sieht es nach Regenwetter aus. Fantastisch!

Es vergehen nur wenige Minuten - das zeitraubende Rasieren muss ja wegen vergessenem Rasierzeug ausfallen - und ich stehe im Restaurant am Büffet. Der erste und mithin wichtigste Höhepunkt des Tages. Ein tolles Büffet spendet nicht nur Kohlehydrate und Energie für die Etappenkilometer, es motiviert auch mental ungemein.
Wie so etwas in die Hose gehen kann, hat wiederum Kopenhagen bewiesen.

Ich stehe im Raum und drücke allein durch meine Anwesenheit den Altersdurchschnitt der Gäste um mindestens 20 Jahre. Es sind betagte Amerikaner und noch betagtere Schweden, die in ihrer gewohnt langsamen Art um die reichlich aufgefahrenen Köstlichkeiten schleichen. Gedämpfte Unterhaltungen, keine - körperbedingt - Hektik.
Mir soll es egal sein.
Einer Oma fällt beim Wurstaufladen eine Krücke um, ich beuge mich hinab und gebe sie ihr, dann schaufle auch ich auf meinen Teller, was die Auslage zu bieten hat.

Auch Jan bemerkt sofort das Treffen der Generationen, als er den Saal betritt und grinst.

Das Hotel Enehall hat sich Mühe gegeben. Das Büffet enthält alles, was man sich wünscht, leider - und das scheint eine landestypische Unsitte der skandinavischen Länder zu sein - werden die Frühstückseier hier anscheinend kalt gegessen. Da kommt bei uns keine rechte Freude auf, aber darüber kann man auch hinweg sehen.

Wir laben uns, schlagen uns die Bäuche mit energiereichem Müsli, proteinreicher Wurst und koffeinreichem Kaffee voll, besprechen die Strecke, wundern uns über dieses gepflegte, tolle Haus und dann nutze ich noch schnell den kostenfreien Internetzugang, um meine Mails zu checken, während Jan fertig isst.

Draußen kommt ein Regenguss allererster Güte herunter, weshalb wir es nicht ganz so eilig haben, wie in den vergangenen Tagen. Heute, das haben wir beschlossen, suchen wir uns unsere Hütte am See mit Sauna und Angelausrüstung in einem verlassenen Wald mit Sonnenuntergang und verbringen morgen dort unseren Day-off.

Da wir nur rund 100 km vor uns haben, ärgert mich der Regen auch nicht so sehr, wie er es sonst getan hätte. Wir gehen zurück ins Zimmer, packen unsere wie nach einer Granatenexplosion im Zimmer verteilten sieben Sachen zusammen und sind hab 11 Uhr - spät, für unsere Verhältnisse - abflugbereit.

Es ist kühl in Schweden an diesem Morgen, wenn wir 15 Grad haben, dann ist das viel. Drohend schieben sich immer wieder graue Regenwolken über die Berge und halten meist gerade noch so die für Radfahrer so unangenehme Wasserlast.

Á propos Berge: Jetzt, da es hell ist, können wir ihn sehen. Oder zumindest seine Ausläufer - die Töchter des Teufelsberges von gestern.

Wie eine riesige Falte im im sonst so flachen Land zieht sich diese Schwelle einer steilen Staumauer gleich von rechts nach links über den Horizont. Es scheint, als habe Gott diese dicke Wurst quer übers Land gelegt, wie eine Sperre, eine Umfassung. Wir sind hinüber gekommen. Vor uns liegt wieder recht flaches Gelände.

Wir treten in die Pedale und lassen das entzückende Hotel Enehall hinter uns zurück. Jan fährt noch einmal bei einer Fahrradstation vorbei, er will seine Pneus härter aufpumpen, aber dort verfügt man nicht über den richtigen Adapter für die schlanken Rennventile, die er fährt. Also geht es weiter, wir verlasen Bostad mit Ziel Falkenberg - das haben wir vorhin über Google Maps brütend beschlossen.

Zunächst geht es auf der großen Ausfallstraße gen Norden parallel zum Teufelsberg entlang. Ich bemerke, dass sogar die dicken Wolken an der Bergschwelle Halt machen, sich abregnen und uns, die wir hier auf der anderen Seite sind, nicht mehr mit ihrer kalten Feuchtigkeit behelligen. Uns soll es Recht sein.

Zunächst geht es flux nach Östra Karup, ein, zwei, drei Kilometer östlich von Bostad. Hier nun machen wir einen Schlenker nach Norden, suchen und finden den "Küstvägen" - die Küstenstraße, die uns bis nach Göteborg (und wenn wir wollten auch noch viel weiter) bringen soll. Die Fahrt geht flott, wie immer, fast schon im Dauerabo, schiebt der kräftige Wind von hinten und so sehen wir die Kilometer auf unseren Bike-Computern nur so dahinschmelzen.

Unser erstes Ziel ist Halmstad, etwa auf halbem Wege nach Falkenberg.

Die Strecke dorthin wird ... schwedischer. Hat weiter im Süden landschaftlich kein großer Unterschied zu Deutschland oder Dänemark bestanden - bis auf die vielen gelben Holzhäuser und das Fehlen jeglicher Fahrzeuge der Make Opel im Straßenverkehr - so verändert sich langsam die Natur. Sie wird so, wie man sie in Schweden vermutet: Dichte Nadelwälder lösen die Pappel- und Laubwälder aus dem Süden ab, der Waldboden - wahrscheinlich feucht vom ganzen Regen - ist über und über bedeckt mit dickem, duftenden Moos, es riecht nach Beeren und weiter draußen - manchmal sehen wir sie - erhaschen wir Blicke auf eine zerklüftete, felsige Küste mit ersten, zaghaften kleinen Einbuchtungen, die man mit viel Fantasie als Minifjorde erkennen kann.

Im Paarflug fahren wir die meiste Zeit nebeneinander her - um diese Zeit herrscht noch nicht viel Betrieb, zumal direkt neben uns in ein oder zwei Kilometern Abstand - manchmal aber auch direkt in Sichtweite - die E-Straße verläuft, auf der die Autos mit hoher Geschwindigkeit entlangrasen. Uns aber kann das nicht stören - wir rasen zwar auch, für unsere Verhältnisse, aber eben auf gemütlichere Art.

Jan scheint es wieder besser zu gehen, obwohl er heute morgen, als es auf das Rad ging, arg geächzt hat und Schmerzen im Hintern beklagte. Nun aber treten seine Beine in gewohnt ruhiger, kräftiger Manier die hohen Gänge. Und wieder das alte Bild: Fahre ich vorn halten wir eine konstante 30 auf dem Tacho, ist Jan vorn, beschleunigen wir auf 33 km/h.

So passieren wir Laholm, ein kleines Städtchen, und wenig später Trönnige, bevor am Horizont Halmstad, unser erstes Etappenziel auftaucht.

Mittlerweile sind wir 45 km gefahren und - zumindest in meinem Magen - ein Hungergefühl macht sich breit. Zunächst halten wir an einem hübschen Dreimaster am Hafen - der uns natürlich nicht satt macht, dann suchen wir wieder die Innenstadt nach einer Möglichkeit zur Nahrungsaufnahme ab - und finden wenig später ein kleines Restaurant, in dem wir uns laben.

Ich will nicht viel Zeit verlieren, zumal hinter und über uns Wolken den Himmel zuquellen, die aussehen, als würden sie demnächst die Luft mit wirbelnden Regentropfen anfüllen, und wir brechen wieder auf. Heute, das hatte ich Jan versprochen, wird die Etappe keine 100 km betragen. Heute, das hatten wir uns ausgemalt, gibt es unsere Hütte am See mit Sauna. Heute, das ist abgemachte Sache, startet der Day-off, der morgen den ganzen Tag andauern wird und erst übermorgen, mit der Etappe nach Göteborg, dem Ziel unserer Reise, enden wird.

Zunächst aber gilt es, aus Halmstad herauszukommen und ein Dörfchen namens Gullbrandstorp zu finden. Gullbrandstorp, so sieht es zumindest auf der Karte aus, wird der Startpunkt eines anscheinend wunderbaren Teilstückes des Küstvägen, der sich bis Göteborg fast direkt am Ufer des Skaggerak entlang winden wird.

Wir finden den Weg leider zunächst nur über eine große, breite, mehrspurige Straße, die zudem dicht von schnellen Autos und LKW befahren wird. Das Wetter ist so lala, der Himmel grau in grau, der Wind trägt merklich zur Kühlung bei, also tun wir das, was wir schon gestern und die Tage davor getan haben, wenn es mal unangenehm wurde: Wir fahren schweigend in hohem Tempo hinter einander her. So schmelzen die Kilometer und beim an Schwerstarbeit grenzenden Kurbeln unter Vollast halten wir uns warm und vergessen darüber, uns über die widrigen Umstände zu ärgern.

Doch ändert sich das Bild bald schon, ich schätze, eine gute halbe Stunde später, als wir ein Hinweisschild auf den Küstenweg finden, abbiegen und weig später wieder auf der gemütlichen Straße nebeneinander her radeln können.

Die weitere Fahrt verläuft ohne große Probleme - wir befahren eine ruhige Straße nahe der Küste. Immer wieder wandern unsere Blicke hinaus aufs Wasser, dann und wann führt uns der Weg um einen Hügel herum, mal auch darüber hinweg. Immer wieder brechen schroffe Felsen durchs dicke Moos, Kühe muhen auf saftigen Weiden neben uns, traumhafte Anwesen aus Holz an dunklen Waldesrändern könnten perfekte Kulissen für romantische Schnulzenfilme auf SAT.1 abgeben.

Manchmal halten wir an, wenn eine Steigung arg an in den Lungen (bei mir) oder im Hintern (bei Jan) zu spüren ist. Und immer wieder der bange Blick nach oben: Hält das Wetter?
Es hält. Noch.

So schlängeln wir uns diese traumhafte Küste entlang, überholen noch zwei vollbepackte Radtouristen, die mit weniger als 20 km/h auf ihren dicken Trekkingrädern die Straße entlangradeln und erreichen so schnell wie noch nie unser Etappenziel: Falkenberg.

Unsere Arbeitsgeräte stellen wir nach einer bescheidenen 4 Stunden-Schicht ab.

Nicht, ohne uns die letzten 30 Minuten wieder auf dem Seitenstreifen der E-Straße in einsetzendem Nieselregen entlangzuprügeln. Die E21 mündet in eine vierspurige Schnellstraße, neben uns zischen Volvos vorbei und schwere LKW, die wie Nebelwände aus Wasser eine unangenehme Gischt hinter sich herziehen, die uns jedes Mal die linke Seite komplett einweicht. Jan fährt vor - es soll ja schnell gehen - und ich bekomme, da ich meine scharf rotierenden Kettenblätter wieder mit nur wenigen Zentimeter Abstand an sein Hinterrad hänge, braune, nach Öl und Straßendreck stingende Brühe als Spray ab, wenn er durch Pfützen stehenden Wassers donnert. Aber sein Windschatten ist mir in diesen Momenten wichtiger, als mein ruinierter Teint. Wir fahren auf - ein riesiger Kreisverkehr bremst alle Fahrzeuge ab. Ihn durchfahren wir und finden uns wenig später in Falkenberg wieder.

Jans Navigationsklaus findet schnell den Weg zu dem Hotel, das wir uns ausgesucht hatten. Keine einsame Hütte an einem einsamen See zum einsamen Saunieren und Einsamsein zwar, aber dafür stehen wir gute 20 Minuten später vor einer großen Villa, die das Hotel "Pallas" ist. Jan checkt ein, wir verstauen unsere Räder in einer Garage neben dem Hotel und freuen uns über ein Zimmer im Dachgeschoss, stürmen nacheinander die Dusche und erkunden wenig später die Stadt.

Falkenberg werden wir morgen - an unserem wohlverdienten Day-off - noch näher kennen lernen. Für heute reicht uns ein kleiner Rundgang durch die Altstadt, eine wirklich schmackhafte Pizza in einem gemütlichen, echt-schwedischen Ami-Diner und dann kehrt Jan, als wir wieder im Hotel sind, von der Rezeption mit einem über beide Ohren reichenden Grinsen zurück: Die Sauna ist befeuert!

Wenig später liegen wir wie Gott uns schuf im hoteleigenen Spa-Bereich auf den hölzernen Bohlen der Sauna, schwitzen hinaus, was sich an Dreck und Üblem angesammelt hat und schocken uns bei eiskalter Dusche nach 20 Minuten. So verbringen wir bei einigen Saunagängen unseren Abend, genehmigen uns zurück im Hotelzimmer noch eins der lächerlichen - dafür empfindlich teuren - 3,5%-Leichtbiere und surren wohlig träumend in die Kissen unserer weichen Betten, denn wir wissen, dass es morgen ein Urlaubstag wird. Ohne Wadenkrämpfe. Ohne bange Blicke gen Himmel. Und ohne braue Wassergischt in unseren Gesichtern.

Ich schlafe wie ein Baby - gesund und rot meine Bäckchen, noch ein wenig zitternd meine Waden. Ganz so, als würden sie sofort wieder mit Freuden in die Pedale treten ...

Gefahren: 97,23 km in 4 h 25 min und 21 km/h Schnitt


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