Hamburg - Bargteheide - Lübeck - Heiligenhafen - Maribo
Der Tag beginnt ruhig.
Oder hektisch - es kommt darauf an, ob man Lars heißt oder Jan.
Denn ich für meinen Teil hatte mir gestern, nachdem Jan pünktlich zum Abendessen (Zwiebelhähnchen aus dem Römertopf mit viel viel Pasta) erschienen war, nur einen Gin-Tonic zum Auftakt unserer Tour gegönnt. Jan hatte nachgelegt, und Hausmachermischungen haben es traditionell immer in sich bei uns.
Ob es das war, was ihn heute Morgen beim 8-Uhr-Wecken etwas zerknirscht hat aussehen lassen, weiß ich nicht, als ich fröhlich gespannt den Kaffee ansetze und ein Radlerweltmeisterfrühstück zubereite. Wir sitzen da, hören Musik, essen Müsli und Vollkorntoasties und planen die Strecke – heute soll es hinüber nach Dänemark gehen, das ist das Etappenziel. Ein bisschen mehr als 150 km sagt Google-Maps.
Es ist für uns beide eine Premiere: Für Jan sowieso, der zum ersten mal eine Touren absolvieren wird, die mehr als 2 Etappen und mehr als 200 km zu bieten hat. Für mich ebenso, wird es doch mein erster Trip sein, den ich nicht allein bestreite.
Jan und ich kennen uns seit acht Jahren. Er war Grafiker, damals, in meiner ersten Agentur. Die Agentur gibt es längst schon nicht mehr - unsere Freundschaft hat überlebt. Auch meinen Wegzug aus Berlin. Jan ist kein Freund, mit dem ich jede Woche ellenlange Telefonate führe. Jan ist da, wenn man ihn braucht, Jan macht Party, wenn wir in der Nähe sind. Jan ist ein echter Männerfreund - so, wie Tim Taylor der Heimwerkerking es umschreiben würde.
Wir haben denselben komischen Humor. Was liegt da näher, als einen Urlaub gemeinsam zu verbringen? Letztes Jahr in New York hat es super geklappt - dieses Jahr nun also das selbe. Ergänzt um den Teil der Köperertüchtigung.Trotzdem ist einiges ungewiss: Wie wird das alles gehen? Kann ich sein Tempo fahren – oder er meins? Wird er diese Distanz durchhalten oder müssen wir vielleicht unterwegs erkennen, dass das Ziel Göteborg für ihn als Touren-Rookie vielleicht doch zu hoch gesteckt war? Werden wir uns darüber vertragen? Oder zerstreiten? Alles Fragen, die mir seit einigen Tagen durch den Kopf schießen – heute, da bin ich mir sicher, werden wir einige Antworten bekommen. Spätestens morgen, das ahne ich, werden wir beide wissen, ob wir Göteborg erreichen werden oder nicht.
Wir satteln die Pferde, überprüfen noch einmal unsere Ausrüstung und steigen auf. Es ist ein herrlicher, frischer Morgen. Harmlose Wolken vermögen nur kurzzeitig den Schein der Sonne am klaren, blauen Himmel zu schattieren – es weht ein kräftiger Wind, der, wie ich ahne, Gottseidank nur in unseren Rücken bläst und uns kräftig anschieben wird.
Lottogewinnerwetter.
Wir fahren endlich los. Wieder on the road, denke ich, freue mich und beschleunige die Speedmachine. Jan, neben mir, tritt rund, langsam, in einem hohen Gang. Wir biegen ein paar Straßen weiter ab – da hält er an. Sattel ist ihm zu niedrig. Schnell ist das Tool-Set mit dem Miniwerkzeug aus den Tiefen der Packtasche gefingert und in Handumdrehen der Sattel justiert.
Aufsitzen. Weiter gehts.
Ich rufe: „Rechts abbiegen!“ – hier gibts eine Abkürzung zum Krohnstiegtunnel. Wir biegen in eine ruhige Straße mit Einfamilienhäusern ab – und müssen keine 50 m später umdrehen: Die Straße endet in einem Wendehammer. Sackgasse.
Nach 250 Metern die erste Reparatur.
Nach 500 Metern das erste Mal verfahren.
Fängt ja gut an …
Wenig später finden wir den Airport, unterqueren seine Rollbahn und machen das Startfoto – die Sonne hat mittlerweile ganz oben Stellung bezogen, wir lächeln in die Linse. Ich nehme mir vor, ein ähnliches Foto von uns beiden zu machen, wenn wir in 5 Tagen am Ortseingangsschild von Göteborg stehen. (Das Foto werde ich nicht machen, da Göteborg kein Ortseingangsschild hat, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.)
Wir verlassen stracks Hamburg – an diesem Samstagmorgen ist auf den Straßen Richtung Lübeck noch nichts los und so kommen wir gut aus der Stadt heraus.
Jan fährt hinter mir, ich beobachte ihn im Rückspiegel. Meine Sorge, er könne das Tempo nicht mitgehen, verfliegt bereits nach den ersten Kilometern. Auf seinem schnieken Bianchi-Rennrad kann er mühelos aufschließen wann immer er will. Außer beim Anfahren aus dem Stand hat er Probleme, langsam nur kommt er auf Geschwindigkeit. Das aber liegt daran, dass er wenig herunter schaltet, wenn er sich eine Ampel nähert und lieber gern in hohen Gängen anfährt. Für mich ist das – vor allem jetzt mit meiner neuen Rohloff-Nabe – kein Problem. Ich schalte bequem im Stehen in den kleinsten Gang und komme bei Grün meist sogar noch schneller weg, als die Autos neben mir.Da wir nun im Umland fahren, kommen wir endlich in den Genuss der gut ausgebauten, breiten holsteinischen Radwege. Ich freue mich wie ein Schneekönig über den schiebenden Wind, der uns streckenweise mit 30 bis 35 km/h fahren lässt.
Wir scherzen und unterhalten uns die ganze Zeit – reden über dies und das. Ein schönes Gefühl und ganz neu für mich. Früher war ich allein mit mir selbst und dem, was mich umgab. Jetzt ist da ein alter Freund, mit dem ich über gemeinsame Zeiten und vieles mehr reden kann. So schmelzen die Kilometer dahin. Wir rauschen durch die Lande, einer macht den anderen auf interessante Dinge neben der Strecke aufmerksam.
Die Speedmachine ist nur moderat beladen, kein Vergleich zu den 25 kg, die ich durch Portugal zu schleppen hatte. Zwei Rad-Kombis, 3 Paar Unterwäsche und Socken, eine Jeans, die kurzen Chucks und Waschzeug – that´s it.Jan trägt alles in einem Rucksack auf dem Rücken. Laut eigener Aussage sei dies sehr bequem, ich allerdings, der ich entspannt liegend meine Sachen hinter mir auf dem Träger weiß, beneide ihn da oben nicht eine Sekunde um die Last, die buchstäblich auf seinen Schultern liegt.
Nach nur 60 Kilometern reiten wir in Lübeck ein. Es kommt mir wie ein Wimpernschlag vor - verglichen mit meiner ersten Tour hier her. Bin ich schon ein alter Fuchs, dass ich mich vor dem Holstentor mit wissendem Grinsen ins Gras fallen lassen, genüsslich einen Corny-Riegel esse und mich mit Jan über Druckstellen am Hintern und andere Tour-Vergnügen unterhalte? Sicher, mehr als 6.000 Kilometer Erfahrung habe ich ihm voraus - aber immer noch fasziniert mich alles am Radfahren wie am ersten Tag.
Das Wetter meint es gut mit uns. Nicht nur, dass ich mich lang ausstrecken und mein Gesicht in die strahelnde Sonne zum Bräunen halten lässt, die an einem makellosen Blau ihre behäbige Bahn zieht, nein, auch der massiv schiebende Wind haben diese ersten Kilometer zu einem wahren Warp-Flug gemacht.Nachdem Jan die Liter Wasser in einem Café losgeworden und uns beiden einen selben spendiert hat, satteln wir wieder auf. Natürlich nicht ohne vorher ein Andenkenfoto gemacht zu haben. Alles macht Spaß an dieser Tour - es ist doch besser zu zweit! Entscheide ich, als ich grinsend mein Rad im dichten Touristenverkehr dieses tollen Sommertages gen Norden lenke.
Guter Dinge durchqueren wir Felder mit Mais und Korn, Wälder aus sattem Grün der Laubbäume oder welche in harzigen Duft der Kiefern gehüllt und eilen durch pittureske norddeutsche Dörfer. Oldenburg ist ein paar Stunden später erreicht, wir tanken neuen Trinkproviant an der Shell und suchen uns eine im alten Stadtkern ein kleines Restaurant, in dem wir zu Mittag speisen.

Zwei Pastaaufläufe später reiben wir uns unsere gefüllten Bäuche und steigen träge aufs Rad. Wir sind schon die Hälfte der heutigen Tour gefahren und ich schiele immer erwartungsvoll hinüber zu Jan, ob ich irgendwelche Anzeichen von Ermattung erkenne. Er aber - stöhnend und ächzend zwar, aber das schauspielert er nur - tritt rund in seine Campagnolo-Kurbeln und hält beständig Abstand zu mir, der ich auf dem schmalen Radweg voraus fahre.
Meine größte Angst ist, dass wir die ersten beiden Etappen nicht durchhalten. Denn dann wäre der ganze Tourplan hinüber. So, wie ich es mir ausgedacht habe, müssen wir heute hinüber nach Dänemark und morgen nach Kopenhagen kommen. Das sind zwei Etappen mit jeweils ein wenig mehr als 150 km. Kein Problem für mich - aber für jan auch? Erst dann, nämlich drüben in Schweden, würden wir die Etappenlängen reduizeren können, bis hinunter auf 100 bis 90 km täglich. Warum? Weil ich Dänemark schon kenne, vor allem Lolland und Kopenhagen, und weiß, dass nicht so aufregend sein wird, was uns auf dem Weg nach Schweden begegnen wird.
Lolland ist eher eine Familien-Badeinsel. Das Inselinnere flach und landwirtschaftlich genutzt: Wenig zu sehen. Sicher, Kopenhagen ist eine faszinierende, tolle Stadt, aber die kennen wir schon. (Dachte ich, wobei Jan mir später sagen wird, dass er noch nie in Kopenhagen war).
Für mich ist Schweden das Unbekannte. Für mich ist Schweden das eigentliche Ziel.
Und hier - so stelle ich es mir vor - würden wir auch irgendwo unseren "Sicherheitstag" verbringen können. Einen Tag, an dem wir uns eine Hütte an einem See oder am Wasser mieten, saunieren und nichts tun.
Aber bis dahin würden wir erst noch runde 40 bis 50 km bis zur Fähre nach Puttgarden fahren müssen. Also trete ich rein. Wir schlängeln uns die teilweise abenteuerlich gewundenen Radwege, die an Feldrändern hinauf und hinab führen, entlang, fliegen im Team mit hohen Geschwindigkeiten an gemächlich dahin trottenden Radmuttis vorbei und plötzlich stoppe ich.
Ich habe "das Gefühl". In vielen Touren und Trips hat sich in meinem Magen ein GPS-Organ gebildet. Das kann zwar (noch) nicht den Standort bestimmen, aber es hat ein ziemlich guten Riecher, ob ich richtig oder falsch bin. Ich bitte Jan, seinen Navigationsklaus zu fragen. Diese Tour ist wirklich bequem, in navigatorischer Hinsicht, denn sein iPhone sagt uns jederzeit, wo wir sind und wo wir hin müssen.
Leider sagt uns Klaus dieses mal, dass wir 4 km falsch gefahren sind. Wir stehen kurz vor der Ostseeküste - halt nur in falscher, nördlicher Richtung, wo wir jetzt gen Osten hätten fahren müssen. Umkehren! Wie ich das hasse! Es ärgert mich, grummelt im Bauch, das GPS-Organ dreht durch. Eine Nebenwirkung, die sich auf das Gemüt legt. Den ganzen Weg zurück, bei nun Gegenwind, das nervt. Irgendwann poltern wir wieder über das Kopfsteinpflaster an unserem Pasta-Italiener vorbei, wo wir vor einer halben Stunde aufgebrochen waren. Ich bin sauer auf mich.
Eigentlich müsste ich es längst schon besser wissen: Kartenstudium ist das A und O!
Endlich wieder on track entfernen wir uns nun von Oldenburg wieder - diesmal richtig in Richtung Fähre Puttgarden. Das Wetter ist gut, der Wind schiebt gewaltig an und so fliegen wir auf dem Radweg nur so dahin. So oft es geht nebeneinandetr. Dann liege ich neben Jan, nur 20 cm entfernt, schaue hoch und sehe, wie diese Mensch-Maschine-Kombination in gleichmäßigem Tritt arbeitet.
Es ist auch der Sound, den ich faszinierend finde: Wie die Luft an seiner Carbongabel vorbei hechelt, das stetige Fauchen des Luftwiderstandes erzeugt: Beweis für die Watt, die seine Waden in das System pressen. Faszinierend auch, wie perfekt dann doch Rad und Fahrer zueinander passen, wie sie fast eins sind, ganz so, als wäre das evolutionstechnisch so vorgesehen.
Ich liege freilich bequem in meiner Speedmachine, bequem wie immer. Ich kann mich in enge Kurven legen, wo er bremsen muss, kann entspannt in die Natur schauen, wo er angestrengt seinen Nacken malträtieren muss, habe nicht ganz so viel Bewusstes in die Steuerung meines Rades zu investieren, wie er.
Jan braucht Energie, um sich abzustützen - und dass er davon eine Menge braucht merke ich daran, dass er stetig seine Armposition verändert. Mal stützt er sich auf, mal fährt er tief gebeugt, mal hoch oben und mal richtet er sich ganz auf, fährt freihändig und streckt die Wirbelsäule. Anstrengungen, die mir auf dem Liegerad fremd sind.
Ich möchte nicht mit ihm tauschen, keine Frage, erfreue mich aber daran, seinen Bewegungen zuzusehen. Perspektiven, die man sonst nur bei der Live-Übertragung der Vuelta oder der Tour de France auf EuroSport hat.
Rechts hinter uns ziehen Wolken heran. Als ob ich es geahnt hätte. Dichte, dunkle Quellwolken schieben sich über den kleinen Hügel, auf dem das Korn steht. Vor uns kann ich in 1 bis 2 km Entfernung Heiligenhafen erkennen. Von hier ist es nur noch einen Katzensprung hinüber nach Fehmarn und dann zur Fähre. Es ist 17 Uhr, als die ersten Tropfen meine Knie benetzen.
Kein Grund zur Panik, findet Jan.
Das sehe ich anders, denn abgesehen davon, dass es alles andere als Spaß macht (vor allem für ihn mit Rennrad-Slicks) im Regen zu fahren, ist der plötzliche Temperaturrückgang und die Nässe nicht gut für die Gesundheit. Und ich möchte den Sicherheitstag - den wir wegen genau solcher Wetterkapriolen eingeplant haben - nicht schon heute nehmen, wo wir noch nicht einmal Deutschland verlassen haben.
Jan bleibt ruhig - das bisschen Nieseln, das kann ihn nicht einschüchtern.
Immer wieder drehe ich mich um und schaue hinter mich. Die Wolken verdecken nun die Sonne - merklich kühler ist es sofort, und merklich dunkler auch. Die Tropfen werden dicker und dichter.
Immer noch beschleunigen wir nicht. Vor Heiligenhafen hat der große Landschaftsplaner ein paar Hügel aufgeschüttet, weshalb wir uns abmühen, unsere hohe Durchschnittsgeschwindigkeit hier weiter zu gehen. Jan bleibt ruhig, auch, als es aus den paar Tropfen zu einem stetigen Nieselregen wird.
Ich schalte langsam hoch. Trete rein, denn ich sehe kommen, was in 2 Minuten dann doch sehr überraschend - dafür umso heftiger - über uns hineinbricht: Ist ist, als öffne der Himmel seine Schleusen und ließe alles Wasser, das diese riesige Quellwolke da über uns im Laufe der letzten Tage angesammelt hatte, mit einem mal über uns fallen.
Im dichtesten Regen zischen unsere Räder in Heiligenhafen ein - es plattert neben mir, auf mich drauf - da hinten, da im Dunst, erkennen wir eine Bushaltestelle und steuern, sämtliche Verkehrsregeln missachtend, auf sie zu und erreichen mit allergrößter Not in buchstäblich letzter Sekunde das schützende Plexiglasdach, denn was nun folgt, ist eine Dreiviertelstunde Wolkenbruch, Gewittergrollen und wasserfallartiger Regen vom Feinsten.
Mit zwei anderen Passanten stehen wir schlotternd nur halbwegs geschützt, dem Sprühnebel des Regens ausgesetzt. Es ist fast nachtdunkel - schräger Humor lässt uns nicht erfrieren. Wir scherzen - und können nur froh sein, jetzt hier in Heiligenhafen einen im wahrsten Sinne des Wortes sicheren Hafen gefunden zu haben - draußen, mitten auf der B-Straße in freier Natur - da möchte ich jetzt nicht sein!
Der Regen hält an und wir ziehen uns Jacken über. Ich beginne auszukühlen, was definitiv nicht gesund ist und genau das ist, was ich nicht wollte. Ich hüpfe von einem Bein auf das andere. Langsam kriecht die Nässe das Trikot und die Radlerhose hoch. Hinter Jan platscht der Regen unvermindert hart auf den Asphalt, auf der Straße neben uns hat sich ein reißender Bach gebildet. Wenn Autos die Straße entlang fahren, schieben sie diesen mit einer riesigen Fontäne beiseite.
Endlich, nach schier nicht enden wollendem Warten, wird der Regen schwächer. Auch peitscht er nicht mehr so arg auf das Klarsichtdach unserer Bushalte-Arche ein. Wir beschließen, in einer Viertelstunde weiterzufahren. Meine Radtaschen, mein Trikot, meine Hose - alles durchnässt. Meine Sonnenbrille - und das merke ich erst jetzt - kann ich dann wohl auch einpacken.
Schwummrigen Rades geht es auf die nasse Fahrbahn. Vor allem Jan muss nun aufpassen - die schmalen, profillosen Slicks sind für sowas nicht gemacht. Wir durchqueren die kleine Stadt und holen den Regen ein. In einem nächsten Bushäuschen - dieses mal aus Holz - wartend beschließen wir, dem Regen einen Vorsprung zu geben. Meine Berechnung nach sind es auch nur noch höchstens 30 km bis zu Fähre nach Dänemark - ein schneller Ritt die E47 entlang sollte uns schnell zu ihr bringen.
Endlich geht es los. Licht an, Spritzschutz justiert, die Augen auf - ich vorn, Jan hinten, so geben wir Gas. Leider hat die E-Straße keinen Radweg, also müssen wir auf den Seitenstreifen, der Gottseidank sehr breit ist, ausweichen.
Was nun folgt, ist ein eineinhalbstündiger Gewaltritt. Wir sprechen nicht ein Wort in dieser Zeit.
Wir arbeiten.
Ich trete in die Pedale und halte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h. Jan füllt meinen Rückspiegel aus, sein Gesicht kann ich nicht erkennen, so nah fährt er auf. Nach wenigen Minuten schon haben wir unseren Rhythmus gefunden und unsere Kurbelbewegungen haben sich auf einander abgestimmt. Wenn ich zwei, drei Umdrehungen im Leerlauf fahre, tut er das auch, wenn ich dann wieder reintrete, beschleunigt auch er wieder. So können wir mit minimalem Abstand zueinander fahren und bilden unser eigenes, kleines Peleton.
Wir erreichen die Fehmarnsundbrücke. Links von uns geht die Sonne schon unter - zartrosa färbt sie einen Teil des Horizonts ein. Immer wieder rauschen schwere LKW an uns vorbei - auch sie in Richtung Dänemark. Da sie mit dem Wind fahren, erwischt es uns jedes Mal knüppelhart - mich, da ich tiefer liege, vielleicht feuchter, Jan, da er höher sitzt, vielleicht heftiger. Ein mächtiger Sog nimmt uns jedes Mal von hinten auf und zieht uns förmlich an den LKW heran. Der - da schneller - ist schon weg, wenn wir unsere Räder stabilisieren und in die Wirbelschleppe geraten. Einige Schlenker später erwischt uns dann die Gischtwelle, die die Trucks hinter sich herziehen - unangenehm nass und kalt. Es stinkt kurz nach Diesel, wir schütteln uns, ordnen uns und setzen den Paarflug fort, bis der nächste 30-Tonner grollend an uns vorbeipoltert und die Turbulenzen wieder von vorn losgehen.
Drüben auf Fehmarn finden wir uns endgültig in der Dämmerung wieder - der tag geht zu Ende. Da Off-Season ist, ist der Verkehr sehr ruhig, nur ab und zu überholen uns Fahrzeuge, nur ab und zu kommen uns welche entgegen - um wie viel anders sah das noch im Sommer aus, als ich hier einen Tag mit der Speedmachine auf dem Zeltplatz verbracht hatte!
Wir wechseln die Reihenfolge - Jan übernimmt die Führung. Ohne Worte, so können wir das mittlerweile, findet der Positionswechsel statt. Ich habe das stärkere Licht - und um nicht umgefahren zu werden, soll mein rotes Rücklicht die Fahrer besser warnen, als es seine LED-Funzel könnte. Ich tauche in seinen Windschatten ein, spüre sofort die Entlastung und kann einen Gang höher schalten, ruhiger drehen.
Jan - und das soll mir im Laufe der anderen Tage noch mehr auffallen - fährt immer schneller, wenn er die Spitze hat. Ich merke es sogleich - dort, wo die letzte halbe Stunde konstant eine 30 stand, blinken jetzt 32, 33 - manchmal 35 km/h auf meinem Bike-Computer. Ich staune über seine Reserven - immerhin sind wir schon mehr als 100 Kilometer unterwegs und er hat es mit Sicherheit nicht so bequem wie ich gehabt.
Ich taste mich an sein Hinterrad heran, bis auf wenige Zentimeter nah. Ich sehe mein Kettenblatt gefährlich nah an seinem Hinterreifen drehen, wie Reißähne eines nimmersatten Wolfes, der seine Beute hetzt. Ich spüre die 3, 4, 5 km/h mehr in den Beinen. Der Fahrtwind - obwohl in Jans Schatten - hat auch merklich zugenommen. Interessant, was wenige km/h ausmachen, wie groß der Unterschied am Ende zwischen 30 und 35 Sachen doch wirklich ist.
Schweigend hecheln wir die schnurgerade Strecke nach Puttgarden. Weit oben kann ich das Hotel, quasi als letzte Landmarke Deutschlands, erkennen. Immer mehr Schilder und Spuren weisen darauf hin, sich einzuordnen. Wir sind noch 5 km von der Fähre entfernt - im Sommer stehen sie bis hier her an. Jetzt freilich - in der Nebensaison und im Dunkeln - ist hier bequemes Durchkommen angesagt.
Wir lassen rollen, als wir um die Kurve schießen und sich vor uns die Kaianlagen der Vogelfluglinie auftun. An zwei, drei Autos vorbei erreichen wir den Kartenschalter, kaufen für 14 Euro pro Person ein Ticket und stellen uns in die Schlange weniger wartender Touristen und Dänen an - in 20 Minuten soll die Fähre ablegen.
Ich stelle die Speedmachine ab, mache ein Foto und beschaue mir Jans Bianchi. Ein schönes Rad - extrem leicht, schnittig. Auf das Wesentliche reduziert - auf puren Speed und Leistung ausgelegt. Die Carbonkabel matt und stabil, einige Tropfen Spritzwasser laufen an ihr hinab. Der Rahmen - leicht und doch bruchfest, ohne Schnörkel, makellos geschweißt. Kein Komfort, keine Kompromisse - Federung sucht man vergebens. Auch die dünnen, windschnittigen Reifen, mit 7 Atmosphären Druck betonhart aufgepumpt, federn nicht. Die Reifen.
Die Reifen!
Ich schaue genauer hin. Sehe kleine Blasen am Vorderrad. Denke noch so: "Wow, wir sind so schnell geheizt, dass das Wasser der Straße auf dem Gummi kocht!" - werde mir aber im selben Moment bewusst, dass das Quatsch ist. Jan hat ein Loch im Pneu!
Wieder Schwein gehabt - Glück im Unglück. Denn dass wir das Loch jetzt, da wir angekommen sind, bemerken, ist Glück. Mitten auf der dunklen E47, weitab der Fähre, wäre das jetzt wesentlich unangenehmer. Aber ich ärgere mich trotzdem: Flicken heißt die Devise während der Überfahrt.
Neben mir schiebt sich ein Diesel-ICE der dänischen Staatsbahn auf das Schiff, dann können wir an Bord. Geübt und routiniert, ruhig und ohne Eile, baut Jan das Vorderrad aus. Wir nehmen es und das Flickzeug mit nach oben und machen es uns bequem. Während Jan flickt besorge ich heißen Tee und ein Sandwich.
Von der Fahrt bekommen wir so natürlich nichts mit - zumal es draußen ja auch schon nachtdunkel ist. Auf der Fähre selbst ist es ruhig - nicht so voll, wie einmal im Sommer, als ich hier hinüber nach Lolland gefahren bin. Dafür haben wir es schön bequem, haben es ruhig und sicher. Jan hat den Reifen fertig, pumpt ihn wieder auf und pünktlich, als die Fähre in Rödbyhavn ankommt, haben wir sein Rad wieder eingebaut und sind startklar.
Leicht fröstelnd rollen wir von Bord. Es ist stockdunkel. Schnell haben uns die wenigen Autos und LKW der Fähre überholt - gespenstisch ruhig wirkt es nun. Ab und zu brennen Straßenlampen, ansonsten ist es still in Dänemark. Auf dem Bike-Computer stehen schon 145 km. Unser Hotel soll laut Navigationsklaus noch eine Weile entfernt sein.
Wie im Blindflug, denn meine Leuchtmittel sind ein Witz, wenn man mal ehrlich ist, tasten wir uns aus Rödbyhavn heraus, durchqueren Rödby und setzen unseren Weg weiter nach Maribo - unserem Etappenziel - fort. Ab und zu überholt uns ein dänischer Autofahrer, der sich wohl wundern mag und deshalb konsequent bis zur letzten Sekunde mit Fernlicht fährt.
Es ist ein höchst komisches Gefühl, bei Dunkelheit zu fahren - keine Anhaltspunkte mehr, wie schnell man ist, extrem eingeschränkte Sicht - aber es macht irgendwie Spaß, hat etwas Spannendes. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir endlich in Dänemark sind, unserem Etappenziel nahe kommen und nun diese Tour endgültig begonnen hat - wir haben Deutschland verlassen!
Á propos verlassen - unser Hotel finden wir dann auch endlich, nachdem mir eine hübsche Dänin in einer ansonsten verlassenen Tankstelle noch einmal in wundervollem Akzent-Englisch den Weg beschrieben hatte. Mitten in der Gabelung der "B"-Straße und unserer guten alten E-Straße, die uns schon nach Puttgarden gebacht hat und nun eine ausgewachsene Autobahn ist, liegt unser Hotel.
3 Sterne. Dank automatischem Check-in an einem Siebzigerjahre-Roboter-Schalter 24 Stunden geöffnet. Der Straßenlärm der Europastraße ist Programm - und so heißt das Hotel auch treffend E4.
Kein Roboter, sondern eine freundliche Frau empfängt uns, kassiert uns ab und händigt uns die Schlüssel aus. Als wir die Räder zum Zimmer schieben, bemerkt Jan das zweite Loch - diesmal ist es der Hinterreifen. Wieder Schwein gehabt! So im Stockdunkel an einer dänischen B-Straße im Fernflutlicht verängstigter Nachtfahrer einen Schlauch zu flicken, das hätte uns jetzt noch gefehlt!
Unser Zimmer ist nicht groß, aber sauber. Wir duschen, reiben die Waden mit Franzbranntwein ein und zappen durchs dänische Fernsehprogramm. Da kein Restaurant in der Nähe ist - und sowieso nicht mehr offen hätte, weil es schon nach 22 Uhr ist - kaufen wir uns zwei Pils und eine Tüte Chips an der Rezeption. Und - es war ja zu ahnen, aber wir erleiden trotzdem einen Schock: Das Bier kostet knapp 7 Euro! Hier ist jetzt also Genießen angesagt ...
Seelig, mit dem heißen Brennen des Blutes, das noch eine Weile durch meine Adern schießt, träume ich mich hinüber, vergesse den Straßenlärm der Autobahn hinter unserem Fenster
Ich träume von Löchern, brennender Sonne und einem hoffentlich tollem Frühstück, das morgen inklusive ist.
Trotz der beiden Pannen eine wunderbare erste Etappe - ich bin stolz auf Jan, dessen beinharte Kondition mir Respekt abverlangt und mich froh macht, denn nun bin ich mir sicher, dass wir Göteborg erreichen werden.Gefahren: 177,45 km in 7 h 12 min und 24,6 km/h Schnitt
Auch schön: Die Speedmachine im Backofen Europas. Portugal per Liegerad



